Robots, Cyborgs, Sensors_

Die Zukunft der Menschheit liegt im Zusammenwachsen mit Maschinen. Schon zum Ende des Jahrhunderts sollen elektronische Funktionserweiterungen, die Neil Harbisson sich heute noch implantieren lässt, mit unserer DNA verschmelzen und durch Vererbung weitergegeben werden. Das war nur eine der Thesen, die der weltweit erste staatlich anerkannte Cyborg am Montag vorbrachte. Beim IoT Kitchen Talk, den wir mit den CeBIT Global Conferences organisierten, hörte man aber auch starke Argumente gegen unsere wachsende Abhängigkeit von der Technik.

Das Telefónica BASECAMP im Herzen der Hauptstadt zeigte sich wieder als Place-to-be für Vordenker, Querdenker und Macher der Digitalisierung. Obwohl die Veranstaltung fast fünf Stunden dauerte, blieb das Publikum fasziniert bis zum Ende. Die spannenden Kitchen Talks im Zentrum des Raumes wechselten ab mit Einzelgesprächen, bei denen die Besucher an den gedeckten Tisch herantraten, um selbst mit den Experten zu diskutieren. Sie fühlten sich ganz wie zu Hause, denn es zeigte sich wieder: In der Küche gibt es die besten Gespräche.

Dabei gab es dieses Mal sogar Erlebnisse im Telefónica BASECAMP, die unter die Haut gingen. Ungefähr ein Dutzend der Besucher ließ sich selbst einen Funk-Chip in die Hand einpflanzen und leben nun als kybernetische Organismen aus Mensch und Maschine weiter. Mit ihren Implantaten können sie jetzt beispielsweise elektronische Schlösser öffnen oder Visitenkarten austauschen – und in Skandinavien darf man damit sogar schon bezahlen. Je älter sie werden, desto besser werden die Fähigkeiten solcher sogenannten Cyborgs sein, erklärte Neil Harbisson, denn ihre Hardware und Software werde durch Updates immer weiter optimiert.

Schon seit 12 Jahren lässt er sich dafür immer wieder operieren und erreichte damit Beachtliches. Seine auffällige Antenne mit Internet-Zugang, die er von einem anonymen Chirurgen mit dem Schädel verschrauben ließ, ist heute als neues Körperteil an seinem Kopf angewachsen. Er entfernt sie nicht einmal zum Haarewaschen und lässt sie oft auch beim Schlafen eingeschaltet. Wenn einer seiner Freunde dann ein Foto schickt, werden die Farben in Vibrationen umgesetzt, die das Gehirn des farbenblinden Briten als Töne interpretiert. Diese Musik beeinflusst seine Träume und Neil Harbisson könnte sie sogar hören, wenn er taub wäre. Auch Telefonanrufe kann er mit dieser Technik direkt im Kopf empfangen.

Selbst ultraviolette und infrarote Farben nimmt Neil Harbisson mit seiner Antenne wahr und kann beispielsweise erkennen, ob die unsichtbaren Sicherheitsmaßnahmen in Banken eingeschaltet sind. In seinem Kopf werden die Hirnbereiche für das Sehen und Hören immer gleichzeitig aktiviert, zeigte er anhand seiner Computertomographie im Telefónica BASECAMP. Das ist bei keinem anderen Menschen auf der Welt möglich.

Als nächstes will er ein elektronisches Stirnband unter seine Kopfhaut implantieren, das ihm durch kleine Temperaturveränderungen am Schädel die Zeit anzeigt. So muss er nie mehr zu spät kommen. Seine anderen Cyborg-Freunde tragen bereits Implantate, mit denen sie fühlen, wo Norden ist, oder auch Erdbeben auf anderen Kontinenten durch ihre Internet-Anbindung wahrnehmen können.

Für den blonden Cyborg mit der markanten Frisur sind solche technischen Erweiterungen nur weiterelogische Schritte in der Evolution, die unsere Menschheit aus dem Meer ans Land führte und bald auch ins Weltall bringt. Dort herrschen ganz andere Bedingungen.

„Wenn unsere Spezies auf fremden Planeten überleben möchte, dann werden dafür ganz neue Organe nötig sein“, hörten die erstaunten Zuhörer im Telefónica BASECAMP. „Lasst uns deshalb alle zu Technik werden!“

Power of interaction: Roboter als Vertreter schicken

Das war beim ersten von insgesamt drei Kitchen Talks. Er trug den Titel The power of interaction between human beings using technology – und die nächste Idee kam dann gleich auf den rotkarierten Tisch: Man könne die Cyborg-Antenne auch zum Übertragen der Videokonferenzen ihrer Firma verwenden, sagte Sara Huecas, Business Development Manager bei der Telefónica-Tochter Tokbox. Beim IoT Kitchen Talk stellte sie den Double Robot vor: ein fahrendes Videokonferenzsystem, das sich beinahe genau wie eine Person bewegt und dabei das Gesicht des Anrufers in Augenhöhe einblendet sowie mit seiner Kamera für ihn sehen kann. Damit ermöglicht es fast perfekte menschliche Interaktionen über tausende von Kilometern. Man schickt einfach den netten Roboter als Vertreter und muss kein Meeting mehr verpassen.

Doch genau vor solcher Dauerpräsenz warnte der dritte Teilnehmer an diesem Kitchen Talk. „Wir müssen dringend auch einmal abschalten und nicht erreichbar sein“, sagte Fabian Hemmert, Professer für Interface and User Experience Design an der Universität Wuppertal. Schon jetzt seien die meisten Smartphone-Nutzer kognitiv überladen und körperlich unterfordert. Man sitzt nur noch herum und starrt auf den Bildschirm, weil Apps und Social Media kontinuierlich kleine Hormonschübe produzieren, die man früher nur bei Spielsüchtigen kannte.Wir konsumieren Informationenheute wie Fast Food: unterwegs und nebenbei“, erklärte der Experte. „Sie werden industriell produziert und danach bleiben wir dennoch hungrig.“ Hemmerts große Sorge: Der Mensch wird zu einer Art Darth Vader, der ohne Technik gar nicht mehr überleben kann. Deswegen lässt er im Urlaub das Smartphone immer zu Hause.

Fear of missing out: Mehr Ruhe durch Implantate

Mit solchen Entwicklungen beschäftigte sich auch der IoT Kitchen Talk unter dem Titel Implants, Wearables and the fear of missing out in a hyper connected world, doch es wurden auch die Vorteile herausgearbeitet. „Meine Funk-Implantate gehorchen mir und es ist nicht anders herum“, betontePatrick Kramer von der Firma Digiwell. Sie erforscht und vertreibt die verschiedensten NFC-Implantate, Neuro- oder Hirnaktoren, Fitness-Tracker und Schlaf-Optimierer, die entweder als Wearable getragen oder gleich mit einem kurzen Nadelstich in den Körper eingesetzt werden. Das war auch gleich im Telefónica BASECAMP möglich.

Der große Vorteil der Implantate: Sie benötigen keine Aufmerksamkeit und können nicht verloren gehen. Im Gegensatz zu Smartwatches müssen sie auch nicht ständig geladen werden und nerven nicht mit Statusmeldungen, die wohl anscheinend einem dunklen Plan gehorchen: „Unsere bisherigen mobilen Geräte wurden entwickelt, um uns süchtig zu machen„, erklärte Alexander Steinhart, Geschäftsführer der Firma Offtime, die Apps und Seminare zur digitalen Entgiftunganbietet. Vor allem die sogenannte Gamification, die bei vielen Apps zum Prinzip gehört, sei„Addiction by Design“: Man muss immer wieder nachschauen, ob die virtuellen Pflanzen schon vertrocknet sind oder ein anderer Mitspieler mehr Punkte gesammelt hat. Zwischendurch laufen noch Messenger-Meldungen von Freunden ein und wenn dieser Strom einmal abreißt, weil der Zug beispielsweise durch einen Tunnel fährt, empfinden viele Nutzer einen geradezu körperlichen Schmerz.

Smart Sole: Always on für mehr Sicherheit

Als Techniker müssen wir aus neuen Entwicklungen alles herausholen“, sagte deshalb auch Patrick Bertagna, der über eine Videokonferenz zugeschaltet wurde. „Doch als Gesellschaft müssen wir immer auch Wege finden, wie wir damit zurechtkommen.“ Ein positives Beispiel ist die Smart Soleseiner Firma GTX Corp.: Damit können Familienangehörige den Standort von Demenzkranken kontinuierlich über eine kleine Schuheinlage mit GPS und Mobilfunk überwachen, denn solche Patienten entwickeln oft einen Weglaufdrang und finden dann ihren Weg nach Hause nicht. Den Angehörigen verschafft das ein Gefühl der Sicherheit, was ein wichtiges menschliches Bedürfnis ist. Auch dieses Gerät ist always on und immer mit dem Internet verbunden, doch es sorgt damit für Ruhe.

Die Digitalisierung aller Lebensbereiche durchläuft momentan eine anstrengende Phase des Erkennens und Ausprobierens“, war deshalb auch das Fazit der Moderatorin der IoT Kitchen Talks.„Wir müssen noch mehr über die Technik und ihre Auswirkungen lernen“, sagte Lena Schiller Clausen,„indem wir sie benutzen“. Selbst die interessanten europäischen Smart-City-Lösungen, die beim Talk über The future of environment besprochen wurden, werden ihr wahres Potenzial wohl erst zeigen, wenn sie eines Tages für das Management von explosiv wachsenden asiatischen Mega-Städten wie Djakarta, Mumbai  oder Shanghai im Einsatz sind.

Und Cyborgs wie Neil Harbisson haben dann längst schon wieder neue Funktionen implantiert. Seine Antenne empfängt seit einiger Zeit auch Signale von Satelliten. Er überlegt bereits, wie er damit einen Marsroboter steuern kann.

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